Praktikumsbericht

fv, Rotterdam



Piet Zwart Institut - MA Media Design <http://pzwart.wdka.hro.nl/mdma/>

Gerade mal zehn Studierende verteilt auf zwei Jahre teilen sich den Kubus des Studienbereichs Media Design am Piet Zwart Institut. Dies ermöglicht es, dass sich jedeR ein eigenes Studio einrichtet, um neben dem Unterricht in der Klasse an Projekten zu arbeiten oder Tee zu kochen.
Gerade mal drei dieser zehn sind aus den Niederlanden. Andere Herkunftsländer verteilen sich über weite Teile der Erde.
Den Bericht beginne ich damit weil diese Umstände eine markante Differenz zum SNM-HGKZ markieren und sich sehr wohl konkret in der Arbeit, dem Unterricht, den Projekten und den Verhältnissen untereinander bemerkbar machen. Am raschen Knüpfen von engen persönlichen Kontakten - zu Studierenden wie auch Dozierenden und Angestellten - auszuweichen dürfte schwierig sein. Solches jedoch isoliert auf die Anzahl der Studierenden zurückzuführen wäre zu einseitig. Auf jeden Fall scheint mir ein herzliches Verhältnis prägend für diese Schule.
Jedes Trimester findet an der Schule eine thematisches Projekt statt, in dessen Rahmen zum bestimmten Thema wöchentliche Seminare mit viel Input angesetzt sind.
"Digital Objects" nannte sich das Projekt an dem ich teilnahm; geleitet vom Studienbereichsleiter Matthew Fuller und dem Programmierer und Forscher Rolf Pixley.
Gleichzeitig besetzt eine auswärtige Person/Gruppe die Forschungsstelle der Schule, erarbeitet ein Thema, hält eine Vorlesung und ist für Tutoriate mit den Studierenden verfügbar. Während meiner Anwesenheit war dies Florian Cramer aus Berlin. Und die Liste der bisherig Eingeladenen zeugt vom Abholen jeder Menge interessanter Leute und Projekte, die sich mehr oder weniger alltäglich um die Bereiche der am Studienbereich erörterten Thematiken bewegen.
Des Weiteren findet jede Woche ein Tech Tag statt, an dem Studierende und der Dozierende an der Erfüllung des gemeinsam erarbeiteten Tech Plans arbeiten, damit alle technische Grundkenntnisse erlangen und Vertiefungen in individuelle Bereiche erarbeiten können. Das wiederum steht eng im Zusammenhang mit den zu realisierenden Projekten an der Schule.

Digital Objects

«This project aims to develop a vocabulary of concepts and cultural-material knowledge appropriate to computational and networked digital media. By looking at some of the core elements of digital media and computation we aim to explore how these simple building blocks establish the fundamental, and essentially very simple, set of possibilities for computation and its interrelation with the world.

Complimenting this exploration of the basic particles of digitality we will use a number of texts which contextualise, often to unexpected or substantial lengths, the particular ‘scale’ that the computer exists upon. Such conjunctions will reveal the very simplicity of the computer is what makes it amenable to connection to such wildly ‘different’ parts of life.
Core to understanding how these relationships are managed at the scale of digital objects is the practice of looking for the ways in which differentiation and conjunction of digital objects are staged within particular systems.»
…Aus dem Projekthandbuch

Schon der Titel des Projekts gibt zu denken, ist doch der Begriff des Objekts nicht gerade klar oder spezifisch umfasst. Die Kombination mit 'digital' könnte einerseits als Einkreisend dieser Unspezifiziertheit verstanden, andererseits aber auch als Öffnung zum Vergleich mit allenfalls andern Objektformen genommen werden.
Zum Einstieg ins Thema wurde in die Wohnung von Rolf Pixley, dem einen Dozenten, geladen. Neben seine Erzählungen zur historischen Entwicklung analoger Rechenmaschinen und Einführungen in verschiedene Zahlensysteme und den grundlegenden Aufbau von Chips, gesellten sich Betrachtungen eines grossen analogen Computers, diverser Chips und anderer weit verbreiteter Elektroraritäten.
Die Bilder von analogen, non-elektronischen Computern, wie sie Otto Frei genutzt hatte, indem er unter Verwendung von sich platzierenden Seifenblasen um ein Gerüst die optimale Konstruktion von analog dazu stehenden Bauten berechnete, hinterliessen bleibende Eindrücke.
Die These, wonach sich Analoges und Digitales auch durch differente Gedankenmodelle unterscheiden und somit Übergänge von ersterem zu zweitem mit Veränderungen im Denken einhergehen, blieb hängen. Geht das denken in Analogien verloren?

Bald versuchte Rolf den Studierenden anhand konkreterer Auseinandersetzung mit Mikroprozessoren die diffuse Angst oder das generelle Unverständnis für diesen kleinen Geräte zu nehmen. Hex-Programmieren und Zeichnen von logischen Schaltungen war angesagt.

In der Folge entstanden durch das Studium von reichhaltigen Texten (jede Woche galt es, drei Essays zu lesen) und Beispielen - z.B. dem Vorstellen von 'Widgets', Interface-Konzepten und Fallstudien - Diskussionen rund um die Themen Digitalität, Computer, Technologie und Soziales.
Fragen wie, ob denn ein JPEG-File auf dem Desktop gleiche Emotionen wie das papierne Foto auslösen kann, das Erörtern ungewohnter Interfaces, Diskussionen über Daten- und Softwarestrukturen und des öftern zu sozialen Implikationen von Technologien.
Baudrillard, der in technischen Objekten Essenzen ausmacht; Akrich, die im Prozess der Entwicklung Einschreibungen seitens der Designenden postuliert, wobei eine gewisse Rekonfigurierbarkeit offen bleiben könne; Noon, der in der Science-Fiction Erzählung von prägenden, aber nicht in der Anleitung stehenden Features schreibt oder Ursula Huws, die gegen die Alarmisierung der angeblichen Dematerialisierung antritt.
Anhand solcher Markierungspunkte sollen die Studierenden eine individuelle, kreative Projektantwort auf den Input liefern; begleitet von einem Essay.

Die Abenteuer von Dr. M. Achinovic und seinem Partner Dr. A. Tomsky sollten eine Fortsetzung finden und so zog ich sie herbei, um die Interpretation, die Auswertung oder gar das darüber Philosophieren von gesammelten Expiditionsmaterialien aus den Innereien des Computers zu unterstützen. Und so kommt es, dass sowohl die web-Arbeit wie auch das Essay den Linien, Kanten und Punkten nachstöbert, die um die Frage nach (mentalen) Modellen zur Verhandlung von Objekten, insbesondere als technisch oder digital zu umkreisende, entstehen: ist ein Objekt gleich all seiner Eigenschaften oder ergibt sich durch die Zusammensetzung dieser etwas Gesondertes? Basiert ein Objekt auf einem Kern, der nicht weiter zu zerlegen ist oder kann das Bild einer unendlichen Verschachtlung - oder eines Fraktals - herbeigezogen werden?
Das Essay ist angelehnt an die These, wonach Technisches und Soziales bzw. Technologie und Gesellschaft (oder Zivilisation?) untrennbare Kategorien sind, die gesondert betrachtet keinen Sinn ergeben.
Schliesslich interessiert, wie und ob angesprochene Betrachtungsmodelle eben von einem rein technischen Gesichtspunkt weggeführt werden können bzw. ob sie das nicht eben schon sind und so das eigene Selbstverständnis und Weltbild massiv mitbestimmen.


Code Poetry

Florian Cramer führte interessierte ein in die Thematik der Code Poetry & Works.
In einem Vortrag zu "executable codes" fügte er verschiedene Codesysteme aneinander, um Neues in Altem zu entdecken.

Es entstand eine halbstündige Radiosendung für Kunstradio.at mit verschiedenen Beiträgen, die sich alle mit Codes und Computern beschäftigen.




v2_ Institut für das unstabile Medium <http://www.v2.nl>

Beim v2_ drehte sich während meiner Anwesenheit fast alles ums diesjährige DEAF (Dutch Electronic Art Festival). Als Praltikant bei Stephen Kovats arbeitete ich neben kleineren Tasks an der Vorbereitung, Umsetzung und Dokumentation des Projekts FRIDA V. (Free Ride Data Vehicle) von Luka Frelih und dessen Kontext, des CCC (Cartographic Command Center) mit.
Inhaltlich stellte dies die Auseinandersetzung mit Kartographie und 'locative media' in den Vordergrund. Nach wie vor sehe ich in manchen Versprechungen solcher Projekte eine Tendenz, die mir nicht behagt. Erstens ist der Hype von wireless-Technologien der Medienkunstszene und der Industrie auffällig nah beieinander und zweitens werden inhahtliche Fragen oft ausgeklammert oder in einer für mich unkritischen Weise beantwortet. Ich habe nun mal kein Interesse daran, Graffitis vom unmittelbaren, städtischen Raum in eine Datenbank zu verpflanzen, zu derer Zugang eine Apparatur notwendig ist. Gleichwohl sehe ich ein, dass auch der sogenannte 'virtuelle Raum' quasi nicht links liegen gelassen werden kann. Aber ein Ausspielen der einen gegen die andere Intervention empfinde ich als inakzeptabel.

Festivalbetrieb von der organisatorischen und nicht der besuchenden Seite her kennenzulernen war neu für mich. Dies gestattete eine doch etwas andere, wenn auch nicht gezwungenermasen intensivere Auseinandersetzung mit ausgestellten Projekten und veranstalteten Diskussionen. Vor allem durch den direkteren Zugang zu den AutorInnen dieser Arbeiten und dem Miterleben des Installierens lassen sich neue Ebenen erkennen.
Sowohl die zu einem solchen Event gehörenden 'Socialising'–Anlässe, wie auch das auf 'Tour de Medienkunstfestival' ist mir unangenehm.


Einblick in den hoffentlich vorhandenen Raum, in welchem das v2_ Diskussionen zu beispielsweise den geförderten Projekten führt, konnte ich nicht recht erlangen. Und so entstand die Frage, ob eine Kulturinstitution wie diese es sich überhaupt leisten kann, Projekte kritisch zu hinterfragen.
Die Trennung zwischen Office und Lab gibt einerseits Luft, sich nicht mit allem beschäftigen zu müssen, hemmt andererseits vielleicht die Konfrontation mit direkt Betroffenen und erinnert etwas an die Trennung zwischen Technischem und Sozialem.
Trotz des Genusses, das vermutlich einzigartige Institut und die dort umherziehenden Leute kennenzulernen, vermisse ich eine explizite EInmischung in die Diskurse der Medienkunst/theorie.